Wenn junge Leute dem „Schwebenden“ folgen 

Auf dem Weg zur U-Bahn
Auf dem Weg zur U-Bahn

Als der Direktor des weltberühmten „British Musem“ in London um den „Schwebenden“ von Ernst Barlach als Leihgabe bat, ahnten wir nicht, was das für den Güstrower Jugendkreis bedeuten könnte. In einer Sonderausstellung über die Deutschen sollte als krönender Abschluss dieses Kriegsmahnmal aus dem Dom zu Güstrow gezeigt werden. Und zur Eröffnung dieser Ausstellung wurden die Mitglieder der Domgemeinde nach London eingeladen. Wir nahmen das für unsere gemeinsame Jugendarbeit zum Anlass und organisierten eine Jugendfreizeit. Dreizehn Leute aus dem Jugendkreis aber auch „Neue“ sowie drei Mitarbeiter waren dabei. Nach zwölf Stunden Fahrt landeten wir in einer kleinen Gemeinde an der Küste. Dort hießen uns Brenda und Willi Rabald (ehemals Karchow) herzlich mit einem riesigen Nudeltopf willkommen. Am nächsten Morgen setzten wir bei herrlichem Sonnenschein über nach Dover, wo uns die weißen Kreidefelsen entgegen strahlten. Nach zwei Stunden Fahrt erreichten wir London. 

Mitten im dichten Verkehr der Neun- Millionen-Metropole verständigten wir uns über Funkgeräte und erinnerten uns immer wieder gegenseitig „Links fahren!“ Gegen Mittag erreichten wir „unsere“ Gemeinde, die Highgate-Road-Chapel. Gleich machten wir uns auf den Weg zur nächsten U-Bahnstation. Wir wollten in die City und etwas von London sehen. Die Wolkenkratzer waren beeindruckend, doch auch die fast eine Million Mohnblumen, die um den Tower herum aufgereiht standen, brachten uns zum Staunen. Für jeden gefallenen englischen Soldaten des 1. Weltkrieges wurde eine Mohnblume aus rotgefärbtem Ton aufgestellt. Immer wieder beschäftigten wir uns in diesen Tagen mit den Themen Schuld, Krieg, Versöhnung und Neuanfang. Welche Kraft dabei Jesus Christus Menschen in schweren Lebenslagen gibt, dass entdeckten wir auch in der Stadt Coventry. Dort steht eine von den Deutschen durch Luftangriffe zerbombte gotische Kathedrale. Unsere Jugendgruppe schaute sich das Bauwerk  an und hörte die bewegende die Geschichte der zerstörten Kathedrale. Trotz der großen Zerstörungen in der Stadt rief Richard Howard, damaliger Domdekan in einer im Rundfunk direkt aus den Ruinen übertragenen Weihnachtsmesse zur Versöhnung auf. Er ließ in großen Lettern „Father forgive“ in die Chorwand meißeln und verschickte kleine Kreuze an Gemeinden in Deutschland, hergestellt aus den Nägeln der verbrannten Dachbalken. Wer in der alten und neuen St. Michaels-Kathedrale unterwegs ist, spürt etwas von der vergebenden Kraft, die nur Jesus schenkt.

Wohl am schönsten waren aber die Begegnungen mit den englischen Geschwistern unserer Gastgemeinde. Immer wieder sprachen wir davon, dass wir uns hoffentlich wiedersehen. Am Sonntag waren wir beim Gottesdienst dabei und beim anschließenden Mittagessen. Jeden Sonntag bringen die Gemeindeglieder etwas mit. Es wird gemeinsam gespielt und gegessen. Dann ist um 16 Uhr noch Bibelstunde. Wir machten uns jedoch auf den Weg und besuchten noch die Hill-Song-Gemeinde im großen Dominion Theatre. Mehrere tausend Leute strömten herbei. Acht Sänger und eine Band leiteten mit modernsten Rhythmen den Lobpreis an, Videoclips flimmerten über die Leinwand. Unsere Jugendlichen hatten so etwas noch nie erlebt. So machten wir also auch Erfahrungen mit völlig verschiedenen Frömmigkeitsstilen und tauschten uns darüber aus.

Neben den Ausflügen in die Londoner City war ein Höhepunkt die Sonderausstellung über die Deutschen. Die Kuratorin machte deutlich, wie wichtig es auch für die Engländer heute ist, ein differenziertes Bild über die Deutschen zu sehen. Wer den Andern kennt, der kann nur schwer sein Feind sein. Am Ende des Tages stiegen wir auf einen Hügel in der Nähe „unserer“ Gemeinde und schauten betend auf das nächtlich erleuchtete London. Erfüllt und dankbar für die gemeinsamen Erlebnisse und die Geschwister in England traten wir die Heimreise an und landeten wohlbehalten nach Mitternacht am Güstrower Dom.

 

Lolita Hannemann und Daniel Queißer, Güstrow

Kommentar schreiben

Kommentare: 0