Der 9. November 1989 in Mecklenburg

am 17. Dezember 2009

SperrgebietZu der Zeit war ich schon einige Jahre als Pastor in einer ländlichen Gemeinde bei Boizenburg tätig. Ein Teil der Dörfer lag an der Grenze im Sperrgebiet. Oft bin ich an dem hohen Zaun, der Deutschland trennte mit Herzbeklemmung entlang gefahren. Eine Bäuerin die ganz in der Nähe des Zaunes wohnte, sagte zu mir: „Sehen sie dort auf der anderen Seite der Elbe den Bauern? Er treibt seine Kühe auf die Weide. Zum Melken holt er sie wieder in den Stall. Es ist alles so nahe, der Bauer, das Gehöft, die Weiden und doch entfernter und unerreichbarer als der Mond“. Mir fiel das Lied ein: „Es waren zwei Königskinder, die hatten einander so lieb, sie konnten zusammen nicht kommen, das Wasser war viel zu tief“.

Nach dem unsere Kirche in Zahrensdorf 18 Jahre lang eine Bauruine war, sollte sie am 10. Dezember 1989 wieder eingeweiht werden. Zimmerleute und Maler waren hart am Arbeiten. Gäste von nah und fern, sogar aus Bayern waren eingeladen. Da kam der Malermeister zu mir und sagte: „Ich hab keine Trockenfarbe, die ist in der DDR nicht mit Geld und auch nicht mit guten Worten zu bekommen“. Pastor Helms aus unserer Nachbargemeinde in Gudow war bereit uns die Farbe zu besorgen. Wie bekommen wir die Farbe aber so schnell nach Zahrensdorf? Gudow liegt im Westen.
Am Abend des 9. November hatte ich die freudige Nachricht von der Grenzöffnung nicht gehört. In der Nacht etwa gegen 3.00 Uhr wurde ich wach und stellte das Radio an. Was waren das für Jubelschreie, die ich da hörte? Die Mauer war gefallen, Berliner aus Ost und West lagen sich in den Armen. Ich habe dann meine Frau geweckt und gesagt: „Die Grenzen sind offen, wir fahren nach Gudow und holen die Farbe“. Am 10. November 1989 um 4.00 Uhr waren wir in Horst am Grenzübergang. Anfangs wollte der Grenzposten uns nicht durchlassen. Als wir auf eine Einreise in die BRD bestanden, drückte er uns einen Stempel in den Personalausweis und ließ uns durch. Nun waren wir im Westen. Was sollten wir nun aber zu so früher Stunde hier? Im Warteraum des Büchener Bahnhofs wärmten wir uns auf. Um 7.00 Uhr waren wir auf dem Pfarrhof in Gudow. Pastor Helms kam noch ganz verschlafen heraus. Er staunte nicht schlecht, zu so früher Stunde einen Trabant auf seinem Pfarrhof zu finden. Er hatte die ganze Nacht am Fernseher gesessen und sich an den Jubelfeiern in Berlin gefreut. Aber dass es so schnell nun auch im ganzen Land sein würde, überraschte ihn.
Die Farbe bekamen wir leider nicht. Der Maler war nicht da. Ein wenig traurig darüber, machten wir uns auf den Weg. Als der Maler dann doch erreichbar war, fuhr Frau Helms mit ihrem Auto los und dachte; „Den Trabant hol ich wieder ein, mein Auto ist schneller“. In Lauenburg erreichte sie uns. Die Farbe wurde umgeladen und wir fuhren glücklich in Richtung Grenzübergang. Was war nun an der Grenze in Lauenburg los? Viele Menschen hatten sich versammelt, Erwachsene und ganze Schulklassen. Sie umringten unseren Trabant. Welch freudige Stimmung war da aus den Gesichtern zu lesen!
Als wir nach Hause kamen, waren unsere Handwerker weg. Was hilft uns jetzt die Farbe, wenn kein Zimmermann und kein Maler da ist? „Wer weiß, das kann doch nicht von Dauer sein? Die machen doch die Grenze wieder zu!“. Aber Gott sei Dank, es kam anders, die Grenze blieb offen und die Handwerker nahmen nach ein par Tagen in der „Freiheit“ die Arbeit wieder auf. Pünktlich zum 10. Dezember 1989 konnten wir die Kirche einweihen. Am 3. Oktober um 0.00 Uhr läuteten die Glocken. Die Gottesdienstbesucher bildeten eine Menschenkette um die Kirche und wir sangen gemeinsam: „Nun danket alle Gott mit Herzen Mund und Händen, der große Dinge tut an uns und allen Enden…“ In dieser Nacht, als die Einheit Deutschlands besiegelt war, blieb kein Herz ungerührt. Wer kann die Tränen zählen, die bei diesem Danklied geflossen sind? Solche Erfahrungen machen mir Mut mit meinem Gott auch in das Jahr 2010 mit der Jahreslosung: „Jesus Christus spricht: Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich“ zu gehen, und am 3. Oktober voll Dankbarkeit 20 Jahr Deutsche Einheit zu feiern.
Siegfried Reiter (Waren/Müritz)


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